Der lange Weg zum Lanke-Berg: Wie Geduld und Diplomatie dem DGoB einen neuen Partner bescherten
Liebe Go-Freunde,
manchmal muss man dicke Bretter bohren. Und manchmal sind diese Bretter aus feinstem chinesischen Kaya. Heute kann ich Euch mit großer Freude und auch einer gewissen Erleichterung mitteilen: Wir haben einen wichtigen Meilenstein erreicht.
Ein Blick auf unser Bankkonto in den letzten Tagen zeigte einen erfreulichen Eingang von exakt 7.249,11 Euro. Dieser Betrag markiert das glückliche Ende einer fast zweijährigen Odyssee, die uns von ersten, teils schwer verständlichen E-Mails über provisorische Treffen in Frankreich bis hin in das „Heilige Land des Go“ in China führte. Aber fangen wir von vorne an.
Ein überraschender Start im Frühjahr 2024
Alles begann vor ziemlich genau zwei Jahren, im Frühjahr 2024. Ich erhielt eine E-Mail von der Chinesischen Go-Assoziation. Eine Delegation aus der Stadt Quzhou wolle mich treffen. Das Ziel: Über die Unterstützung des DGoB sprechen und möglicherweise ein „Mind Game Center“ in Trier errichten.
Trier? Warum ausgerechnet Trier? Und warum ausgerechnet dann, wenn ganz Go-Europa nach Toulouse zum Europäischen Go Kongress (EGC) pilgert? Mein erster Gedanke war Skepsis. Als man mich dann auch noch bat, Visa-Einladungen für Personen auszustellen, die ich noch nicht kannte – zumal wir ja alle in Toulouse sein würden –, waren wir zunächst unsicher, wie wir dieses Anliegen einordnen sollten.
Nach Rücksprache mit dem Vorstand entschieden wir uns für die Gastfreundschaft und stellten die Einladungen aus. Große Erwartungen hatten wir zunächst keine.
Begegnung in Toulouse: Träume vs. Realität
Zu unserer Überraschung tauchte die Delegation tatsächlich auf – erst in Trier, dann reisten sie uns nach Toulouse hinterher. Dort saßen wir nun: Marc Oliver, unser Fachsekretär für Nachwuchsförderung, Vertreter der EGF und ich. Die chinesischen Gäste waren herzlich, aber ihre Visionen trafen schnell auf die deutsche Realität.
Sie träumten von einem großen Go-Zentrum in Trier. Einem Ort für Turniere, Seminare, Kultur. Als wir vorsichtig anmerkten, dass ein repräsentatives Büro im Zentrum monatlich einen vierstelligen Betrag verschlingen würde, nahm man es zur Kenntnis, versprach weitere Besprechungen in der Heimat, und dann… wurde es erst einmal still.
Die Wende: Ein Besuch am Lanke-Berg
Monatelang hörten wir nichts. Im Herbst 2024 war ich privat in China unterwegs und machte spontan einen Abstecher nach Quzhou. Und erst dort verstand ich wirklich, mit wem wir es zu tun hatten.
Quzhou ist nicht irgendeine Stadt. Sie nennt sich selbst „Heiliges Land des Go“ (世界围棋圣地). Der Legende nach traf hier, auf dem Lanke-Berg, der Holzfäller Wang Zhi auf zwei Unsterbliche, die Go spielten. Er schaute ihnen nur kurz zu, doch als er seine Axt wieder aufheben wollte, war der Stiel verrottet („Lanke“ bedeutet „verrotteter Axtstiel“) und in der Menschenwelt waren Jahrhunderte vergangen.
Mein Empfang war überwältigend herzlich. Man signalisierte einen riesigen Willen zur Zusammenarbeit, auch wenn das teure Büro in Trier vom Tisch war. Die neue Idee: Statt Miete zu zahlen, wollte man Turniere in Deutschland unter der Marke „Lanke Quzhou“ sponsern. Ich reiste mit einem Vertragsentwurf ab. Er betonte unsere Freundschaft in schönen Worten, aber an der entscheidenden Stelle – dem konkreten Sponsoringbetrag – blieb es zunächst noch vage. Wir setzten dennoch auf Vertrauen und unterschrieben.
2025: Diplomatie und ein Wagnis in Trier
Das Jahr 2025 wurde zur Geduldsprobe. Unser Fachsekretär Chafiq reiste als Begleiter eines Jugendteams nach Quzhou und leistete großartige diplomatische Arbeit, um konkrete Pläne zu schmieden. Doch es gab eine massive Hürde: Unsere Partner wünschten sich eigentlich ein Modell, bei dem der DGoB alle Kosten für mindestens vier Turniere vorstreckt und Quzhou uns das Geld später erstattet.
Für uns war dieses finanzielle Risiko eine große Herausforderung, vom organisatorischen Aufwand ganz zu schweigen. Aber wir wussten auch: Wenn wir nicht liefern, passiert gar nichts. Wir brauchten einen Vertrauensbeweis.
Also gingen wir ins Risiko. Ende Mai 2025 richteten wir im Rahmen des „12. Trierer Tengen“ den ersten Kinder LanKe Cup aus. Marc Oliver half bei der Organisation und Emanuel Schaaf leitete das Turnier vor Ort souverän. Chafiq leitete die Fotos und Videos der begeisterten Kinder umgehend nach Quzhou weiter. Ich glaube, genau das war der Schlüssel: Für die Entscheider dort war es enorm wichtig zu sehen, dass wir nicht nur reden, sondern auch Ergebnisse liefern können.
Das große Finale: Paläste und Überweisungen
Ende letzten Jahres war ich erneut in China zur Eröffnung des gigantischen neuen Go-Zentrums am Lanke-Berg. Dort, zwischen der chinesischen Go-Elite und modernster Architektur, konnte ich unser Anliegen noch einmal persönlich vorbringen. Ich machte unseren Partnern klar: „Wir sind für den Kinder LanKe Cup im guten Glauben in Vorleistung gegangen. Jetzt brauchen wir ein Zeichen.“
Man versprach mir eine zügige Bearbeitung. Im internationalen Zahlungsverkehr dauerte dies dann aufgrund diverser Rückfragen und Formulare jedoch noch einige Wochen, und bis zum Schluss wussten wir nicht genau, in welcher Höhe die Summe letztlich eintreffen würde.
Als die 7.249,11 € dann endlich auf unserem Konto verbucht wurden, waren wir überaus erleichtert.
Was bedeutet das für uns?
Dieses Geld deckt nicht nur unsere Vorleistung für Trier, sondern ermöglicht uns in diesem Jahr, eine ganze Reihe an „Lanke-Turnieren“ und Projekten durchzuführen. Folgendes steht an:
- Je ein Spitzenturnier für die besten Spieler und die besten Spielerinnen in Deutschland (beide in Trier).
- Ein großes Wochenendturnier in Düsseldorf (derzeit in Vorbereitung durch Ying Cheng).
- Ein Go-Camp für den deutschen Go-Nachwuchs (organisiert von Chafiq).
- Eine neue Kooperation mit der Stadt Duisburg.
Diese Entwicklung ist auch eine Lehre für uns alle: Internationale Kooperationen brauchen Zeit und Verständnis für die andere Kultur. Unsere Partner wollten keine schnelle Geschäftsbeziehung, sie wollten erst Vertrauen aufbauen – und sehen, dass wir ihre „Heilige Stätte“ würdig vertreten. Unser Mut beim Trierer Tengen hat sich ausgezahlt.
Ich freue mich darauf, Euch alle bei den kommenden Turnieren zu sehen – vielleicht denkt ihr beim nächsten Atari kurz an den Holzfäller Wang Zhi und daran, dass Geduld in der Regel belohnt wird.
Ende gut, alles gut.
Kai Meemken