Liebe Go-Freunde,

es gibt Momente, in denen das Klicken der Steine auf dem Brett verstummt und eine Stille einkehrt, die schwer auf uns allen lastet. Der 14. Januar 2026 ist ein solcher Tag. Wir haben die Nachricht erhalten, dass Nie Weiping, einer der Giganten unseres Spiels, im Alter von 73 Jahren von uns gegangen ist.

Für die Go-Welt ist dies das Ende einer Ära. Für mich persönlich ist es der Abschied von einem Weggefährten, einem Vorbild und einem Menschen, der mich tief beeindruckt hat – nicht nur durch seine Züge auf dem Brett, sondern durch sein Wesen abseits davon.

Nie Weiping wurde am 17. August 1952 in Shenzhou geboren. Sein Aufstieg zur Legende ist untrennbar mit den berühmten China-Japan-Supermatches der 1980er Jahre verbunden. Wir alle kennen die Geschichten, die sich fast wie Mythen lesen: Wie er als einsamer Fels in der Brandung stand, als Chinas „Eiserner Torhüter“, und elf japanische Top-Profis in Folge schlug. In einer Zeit, in der das japanische Go als unantastbar galt, durchbrach Nie diese Dominanz fast im Alleingang. Er löste in China eine Go-Euphorie aus, die bis heute anhält. Ohne ihn wäre das moderne Go, wie wir es heute kennen – mit China als einer der führenden Nationen – kaum vorstellbar.

Sein Spielstil war einzigartig. Er war der unbestrittene Meister des Stellungsurteils. Wo andere sich in komplizierten Josekis oder lokalen Kämpfen verhakten, sah Nie Weiping das große Ganze. Sein „Großes Fuseki“, seine Fähigkeit, die globale Balance des Brettes zu spüren und zu nutzen, war für uns alle Lehrstoff und Inspiration zugleich. Er spielte Go mit einer Weitsicht, die oft erst Dutzende Züge später ihre wahre Kraft entfaltete.

Doch ich möchte heute nicht nur über den Großmeister sprechen, dessen Partien wir in der DGoZ so oft analysiert haben. Ich möchte über den Menschen Nie Weiping sprechen, „Nie Lao“, wie er respektvoll genannt wurde, den wir hier in Deutschland auch als Freund kennenlernen durften.

Viele von euch erinnern sich sicher noch an den Europäischen Go-Kongress (EGC) 2012 in Bonn. Es war uns eine riesige Ehre, ihn dort begrüßen zu dürfen. Dass er seinen 60. Geburtstag bei uns in Deutschland feierte, war ein Highlight in der Geschichte des DGoB. Ich erinnere mich gut an die Atmosphäre damals: Die Ehrfurcht der jungen Spieler, wenn er den Raum betrat, aber auch seine offene Freude an der internationalen Gemeinschaft. Er war damals schon eine lebende Legende, aber in Bonn erlebten wir ihn nahbar, wie er den Kuchen anschnitt und das Bad in der Menge der europäischen Go-Enthusiasten sichtlich genoss. Er war ein wahrer Botschafter für das Spiel, der Brücken zwischen den Kontinenten baute.

Es gibt jedoch eine Seite an Nie Weiping, die in der Öffentlichkeit oft verborgen blieb und die mir besonders am Herzen liegt. Während er in den Geschichtsbüchern oft als der große Antagonist des japanischen Go dargestellt wird – der Mann, der das japanische Monopol brach –, war die Realität viel nuancierter und menschlicher.

Ich hatte das Privileg, dies in einem sehr privaten Moment zu erleben, der mir immer in Erinnerung bleiben wird. Es war am Rande einer Veranstaltung in Taipei. Nach den offiziellen Terminen, als die Kameras aus waren, gingen wir zum Karaoke. Wer Nie Weiping nur als den ernsten Strategen vom Brett kannte, hätte seinen Augen – und Ohren – nicht getraut.

Dort stand er, das Mikrofon in der Hand, und sang voller Inbrunst japanische Lieder. Er kannte die Texte auswendig, er liebte die Melodien. In diesem Moment gab es keine Rivalität, keine nationalen Grenzen, kein „China gegen Japan“. Da war nur ein Mann, der eine tiefe Bewunderung für die japanische Kultur und besonders für deren Musik hegte. Es war ein Moment reiner Menschlichkeit, der zeigte, dass Respekt und Rivalität sich nicht ausschließen. Er kämpfte am Brett mit aller Härte gegen die japanischen Meister, aber in seinem Herzen trug er eine große Wertschätzung für ihre Kunst. Das zu sehen, hat mein Bild von ihm komplettiert.

Nie Weiping war mehr als nur seine Siege. Er war ein Lehrer, der sein Wissen großzügig weitergab. Die Generation, die nach ihm kam, die großen Weltmeister wie Gu Li und Chang Hao, sind durch seine Schule gegangen. Er hat das Feuer weitergereicht.

Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die nicht zu füllen ist. Aber sein Vermächtnis ist lebendig – in jedem Go-Club in China, in den Partien seiner Schüler und auch hier bei uns in Deutschland, wo wir uns immer gerne an seinen Besuch erinnern werden.

Im Namen des Deutschen Go-Bundes und ganz persönlich möchte ich seiner Familie, seinen Freunden und der gesamten chinesischen Go-Gemeinschaft unser tiefstes Mitgefühl aussprechen. Wir trauern mit euch um einen Giganten.

Lieber Nie Lao, danke für die Partien, danke für die Inspiration und danke für die gemeinsamen Momente – ob am Brett in Bonn oder am Mikrofon in Taipei. Du wirst uns fehlen.