Akt 1: Die Vision und das Wagnis
Eines unserer wichtigsten Ziele im DGoB ist es, die Faszination des Go in die Breite zu tragen. Nichts überzeugt dabei mehr als die erste eigene Partie auf einem richtigen Brett. Doch genau hier standen wir Anfang 2025 vor einem Problem.
Der Posten des Fachsekretärs für Material war zu diesem Zeitpunkt unbesetzt, sodass ich diese Aufgabe kommissarisch übernommen habe. Ein Blick ins Lager zeigte: Ebbe. Wir hatten nur noch ein kleines Kontingent unserer alten 9×9-Pappbretter mit ausgestanzten Papp-Steinen. Mal ganz ehrlich unter uns: Die haben ihren Zweck erfüllt, aber „haptischer Genuss“ sieht anders aus. Ein einfacher Nachdruck war zudem unmöglich – die Originaldateien waren verschollen und die damalige Druckerei existierte nicht mehr.
Das war der Moment, um größer zu denken. Ich bin fest davon überzeugt: Wer hochwertiges, attraktives und langlebiges Spielmaterial in den Händen hält, verliebt sich viel schneller in unser Spiel. Ein wackeliges Pappbrett landet schnell im Müll, aber ein solides Set behält man, holt es wieder hervor und zeigt es Freunden.
Erinnert ihr euch an meinen Reisebericht aus China vom letzten Jahr? Damals hatte ich eine Firma kennengelernt, die Go-Material vertreibt. Die Eigentümerin bot mir eine Zusammenarbeit an. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, darauf einzugehen. Meine Sorge war natürlich das Budget: Können wir uns als Verband wirklich hochwertiges Material inklusive des teuren Transports aus Fernost leisten?
Ich bat um ein Angebot – und war baff. Der Vorschlag, der kurz darauf auf meinem Tisch landete, war fast zu gut, um wahr zu sein. Der Stückpreis für ein wirklich hochwertiges, langlebiges Go-Set (magnetisch, mit Dosen für die Steine!) lag kaum höher als das, was wir vor fünf Jahren für die simplen Pappbretter bezahlt hatten. Da gab es kein Zögern mehr.
Die echte Herausforderung lag allerdings in der Logistik und im Design. Damit das Set auch im Regal gut aussieht und sofort als DGoB-Material erkennbar ist, musste eine Verpackung her. Hier war Bernhard Odin Werner eine riesige Hilfe beim Design, und die wunderbaren, charaktervollen Zeichnungen der Go-Steine, die ihr auf der Box seht, stammen aus der Feder von Pierre-Alain Chamot. Das Ergebnis seht ihr auf dem Foto: Ein Set, das man gerne verschenkt und noch lieber selbst besitzt. Vielen Dank an euch beide!
Nachdem der Prototyp uns alle überzeugt hatte, begann das Abenteuer erst richtig. Die Bezahlung in chinesischer Währung und der chinesische Exportdschungel waren Hürden, die wir nur dank der Hilfe von guten Freunden vor Ort meistern konnten. Und dann hieß es: Warten. Aufgrund der kritischen Lage im Jemen und dem Roten Meer mussten unsere Container den langen Umweg um Südafrika nehmen. Fast sechs Monate lang konnten wir nichts tun, als auf den Ozean zu starren und zu hoffen.
Als es dann endlich so weit war, war ich doch extrem nervös. Immerhin reden wir hier von einer Investition, die wir auf fünf Jahre anlegen. 1,5 Tonnen Spielmaterial – das sind 5.000 Sets – waren auf dem Weg zu uns. Ich war positiv gespannt, ob die Qualität der Massenproduktion dem Prototypen entsprechen würde.
Zu diesem Zeitpunkt hatte glücklicherweise Jörg das Fachsekretariat „Material & Logistik“ übernommen. Ich hatte ihn schon mal sanft darauf vorbereitet, dass da demnächst eine „kleine“ Lieferung bei ihm anrollen würde… aber wie diese 1,5 Tonnen Spielmaterial dann tatsächlich bei ihm aufschlugen und wie es nun weitergeht, das erzählt er euch am besten selbst.
Akt 2: Wenn der Container kommt
Im März 25 begann ich, mir ernsthafte Gedanken zu machen, diese Arbeit von Steffi Hebsacker, die lange Jahre das Fachsekretariat geprägt hat, weiterzuführen und zu erweitern. Zwar hatte sich die erhoffte Entspannung in meinem beruflichen Alltag nicht ergeben, aber die Zusage gab ich nach der Delegiertenversammlung dann doch an Kai.
Neben den klassischen Werbemitteln und der Verwaltung der Muschelsteine sollte das Fachsekretariat jetzt insgesamt mehr Aufgaben wahrnehmen – daher auch der neue Name „Material & Logistik“. Durch den EGC 2024 in Markkleeberg ist der DGoB in den Besitz von zwei IZIS-Brettern gekommen. Zur Endrunde der Deutschen Meisterschaft kam erstmals die Übertragung von Spielern und Brettern mittels Kamera dazu. Im Laufe der Jahre hat der DGoB zudem an verschiedene Go-Lehrer und -Gruppen AG-Koffer oder Demobretter verliehen. Und dann kam Kai mit seiner Bestellung aus China.
Im Juni begann sich die Ankunft unseres Containerschiffes in Europa abzuzeichnen. Neben der Frage, wann das Schiff in Hamburg eintreffen würde, standen viele Fragezeichen hinter den Prozessen danach. Wie lange dauert der Weitertransport? Wird die Zollabwicklung schnell und ohne Komplikationen ablaufen? Ist der Speditionsversand bezahlbar oder müssen wir das Material in Hamburg abholen?
Viele Fragen – und dann stand da noch eine Veranstaltung an, die mich von zu Hause für längere Zeit weglocken würde: der EGC in Warschau. Natürlich ging dann im Sinne von Murphys Gesetz alles schief und die Lieferung sollte ausgerechnet in der zweiten Woche des EGCs bei mir eintreffen. Ein paar Telefonate später bot die örtliche Go-Gruppe an, beim Einlagern mitzuhelfen. Dazu kam es dann aber auch nicht, weil kurzfristig die Zufahrt zu unserem Grundstück wegen Neuasphaltierung gesperrt war und die zugesagten Lieferfenster dann doch nicht gehalten wurden.
Kaum vom EGC heimgekommen, wollte dann der Inhalt von vier Paletten wetterfest verstaut werden. Warum in ein Fitness-Center gehen, wenn man 1,5 Tonnen Go-Sets schleppen kann?
Wie geht es jetzt weiter?
Nach der Lieferung ist vor der Verteilung. Auch dies wirft mehrere Fragen auf. An wen und in welchen Mengen wollen wir die Go-Sets verteilen? Kostenlos, kostendeckend oder mit einem Gewinn? Gerade der Preis war eine schwierige Frage. Die alten Pappsets waren preisgünstig, aber erkennbar nicht für eine längere Lebensdauer ausgelegt. Die neuen Magnet-Go-Sets sehen nicht nur wesentlich besser aus, es ist auch zu erwarten, dass man über Jahre mit ihnen Spaß haben kann.
Nach vielen Gesprächen entstand der Vorschlag, allen Landesverbänden ein Grundkontingent zum freien Abruf zur Verfügung zu stellen. Für gemeinschaftsförderliche Zwecke, z.B. für Teilnehmer einer Go-AG zum Mitnehmen nach Hause, möchten wir die Go-Sets zum Selbstkostenpreis abgeben.
Wenn die Sets bei Veranstaltungen nicht als Preise dienen, streben wir einen Verkaufspreis von 5,00 € an. Dabei soll alles, was über die Selbstkosten hinausgeht, dem Veranstalter beziehungsweise dem ausrichtenden Landesverband zugutekommen. Bei der Festlegung dieses Preises geht es nicht darum, dass der DGoB reich wird. Auf der einen Seite soll so aber die Refinanzierung gesichert sein und damit die langfristige Verfügbarkeit von erschwinglichen Go-Sets – gerade z.B. für Schul-AGs – garantiert werden. Zum anderen erhöht ein kleiner Obolus aber auch die Chance, dass der Empfänger das Set wertschätzt und wirklich nutzt. Werbemittel landen erfahrungsgemäß leider sehr oft einfach im Papierkorb, wenn sie „nichts kosten“. Natürlich wollen wir damit keine kommerziellen Händler unterbieten, sondern die Basisarbeit fördern.
Wie soll es mit dem Fachsekretariat weitergehen? Ich bin in Gesprächen mit Künstlern für neue Go-Plakat-Motive. Gerade die letzte DM in Kassel hat gezeigt, dass schöne Plakate im Schaufenster oder in Aufstellern wichtig sind und die bisherigen Info-Plakate diesen Bedarf nicht allein decken können. Die Fecke-Hefte sind inzwischen im neuen DGoB-Flyer aufgegangen. Und die hochwertigen Muschelsteine warten zwar noch auf ein Bad im Wasserstoffperoxid, für wichtige Termine werden sie aber schon jetzt gerne verschickt.
Wenn ihr Material des DGoB nutzen möchtet, Fragen oder Anregungen habt, meldet euch bitte bei mir!
Jörg und Kai

